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Weshalb werden die Bewegungen beim Taiji und Yiquan (oder Qigong) hauptsächlich langsam geübt?

  • Samuel Tanner
  • 15. Aug. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Wenn du schon mal jemanden beim Taiji oder Yiquan beobachtet hast, hast du vielleicht gedacht: „Sieht ganz entspannt aus – fast wie in Zeitlupe.“ Für viele wirkt das langsame Üben zuerst ungewohnt, nicht selten wird es sogar belächelt. Doch lass dich nicht täuschen: langsam bedeutet nicht einfach. Ganz im Gegenteil – es ist eine echte Herausforderung!


Mach mal den Test: Stell dich hin und mach einen einzigen Schritt – aber zieh ihn über 5 bis 10 Sekunden hinweg. Kontrolliert, ohne ins Wackeln zu kommen, mit gespannter Aufmerksamkeit. Klingt simpel? Versuch es. Und wenn du spürst, wie anspruchsvoll das ist – dann weisst du, warum wir so üben. Und falls du es nicht glaubst, komm einfach mal bei uns vorbei. 😉


Langsam heisst nicht bequem – sondern bewusst

In einer Welt, die auf Schnelligkeit getrimmt ist, erscheint langsames Bewegen als Rückschritt. Doch wer sich auf diesen Weg einlässt, merkt schnell: Hier geht es nicht ums Tempo, sondern um Präsenz, Präzision und Tiefe.


Wissenschaftliche Studien zeigen, dass langsame Bewegungen besonders hohe Anforderungen an die Bewegungsgenauigkeit, Koordination und Aufmerksamkeit stellen. In einer Untersuchung zu Bewegungskonsistenz in der Tanzforschung wurde deutlich: je langsamer die Bewegung, desto grösser die Schwierigkeit, sie gleichmässig auszuführen – gerade weil mehr Feinabstimmung und mentale Kontrolle nötig sind [4].


Die Vorteile des langsamen Übens

Langsames, bewusstes Bewegen ist nicht nur eine Frage der Technik – es wirkt ganzheitlich und tief auf Körper und Geist. Hier einige der wichtigsten Vorteile:


1. Verbesserung von Gleichgewicht und Koordination

Das bewusste Bewegen im langsamen Tempo fördert die Tiefenmuskulatur und schult die Selbstwahrnehmung. Studien zeigen, dass regelmässiges Taiji-Training das Gleichgewicht deutlich verbessert – ein zentraler Faktor für Sturzprävention im Alter [3].


2. Muskelkraft und Beweglichkeit – besonders in den Beinen

Die langsame Ausführung wirkt wie isometrisches Krafttraining: Die Muskulatur arbeitet über längere Zeit unter Spannung. Übungen wie Zhanzhuang („Stehen wie ein Baum“) und Shili („die Kraft testen“) fördern Standkraft, Körperspannung und mentale Ausdauer [2].


3. Stärkung des Nervensystems und Stressreduktion

Langsames Üben aktiviert den Parasympathikus – den Teil des Nervensystems, der für Erholung zuständig ist. Taiji und Qigong gelten daher als effektive Methoden zur Stressbewältigung und emotionalen Stabilisierung [3].


4. Natürliches Anti-Aging-Training

Durch regelmässiges, bewusstes Training bleibt der Körper geschmeidig, die Gelenke beweglich, der Kreislauf angeregt und der Geist klar. Kein Wunder, wird Taiji auch als „Bewegung für ein langes Leben“ beschrieben [3].


Warum gerade im Taiji und Yiquan langsam geübt wird

Im Yiquan ist das langsame Üben kein Nebenschauplatz, sondern das Fundament. Die Basisübung Zhanzhuang bringt uns in Kontakt mit unserer inneren Kraft, genannt Hunyuan. Durch das lange, stille Stehen werden Muskelketten harmonisiert, Spannungen gelöst und der Geist beruhigt. Wang Xiangzhai, der Begründer des Yiquan, sprach von „kraftlosem Training, um Kraft zu gewinnen“ und von „Bewegungslosigkeit, um die Bewegung zu perfektionieren“ [2].


Mit der Übung Shili wird die durch das Stehen aufgebaute innere Kraft dann langsam in Bewegung übertragen. Langsame, flüssige Bewegungen mit innerem Widerstand fördern dabei die Fähigkeit, Kraft gezielt und spontan zu entfalten – ohne Muskelverkrampfung, aber mit maximaler Wirkung [2].


Im Taiji wiederum ist das Langsame tief in der Philosophie verankert. Die Prinzipien von Yin und Yang, von Nachgeben und Wandeln, lassen sich nur durch achtsames, entschleunigtes Üben wirklich erfahren. Durch die fliessenden Bewegungen wird der Körper ausgerichtet, die Atmung beruhigt, und die innere Wahrnehmung geschult [3].


Langsamkeit als Basis für Kampfkraft

Es mag paradox klingen: Wer langsam übt, bereitet sich auf schnelle, kraftvolle Aktion vor. Das langsame Training entwickelt eine feine Kontrolle über Körper und Kraft, die in realen Kampfsituationen spontan zur Verfügung steht. Im Yiquan nennt man das Fali – die „explosive Kraftentfaltung“ – die erst durch das präzise, langsame Training von Zhanzhuang und Shili ermöglicht wird [2].


Doch eines ist wichtig zu verstehen: Langsames Üben ersetzt das schnelle nicht – es bereitet es vor. Die Fähigkeit, kraftvoll und schnell zu handeln, entsteht auf der Basis von innerer Ruhe, struktureller Klarheit und bewusster Körperführung [1].


Fazit: Der langsame Weg ist der direkte

Langsames Training ist eine Kunst – und ein Weg zu Kraft, Klarheit und Gesundheit. Es stärkt den Körper, beruhigt den Geist und wirkt nachhaltig regenerierend. Langsame Übungen laugen den Körper weniger aus, als wenn konstant mit hoher Intensität trainiert wird. Wer langsam übt, entwickelt Tiefe – und wer Tiefe hat, kann im richtigen Moment auch schnell, klar und kraftvoll handeln.


Also: Trau dich, langsamer zu werden. Und wenn du wissen willst, wie sich das anfühlt – dann komm vorbei und mach einfach mal einen Schritt. In 10 Sekunden.


Quellen:

  1. Yiquan, Mit medizinischen Aspekt Körper und Geist zugleich kultivieren, Jumin Chen – Kapitel Theoretischer Hintergrund. [Link]

  2. Yiquan, Mit medizinischen Aspekt Körper und Geist zugleich kultivieren, Jumin Chen – Kapitel Trainingsinhalt. [Link]

  3. An Introduction to Tai Chi – Harvard Medical School [Link]

  4. Burger, B. & Wöllner, C. (2023). The challenge of being slow – Journal of Motor Behavior [Link]

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